Kalte Progression

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Kalte Progression

Wenn das Gehalt lediglich an die Inflationrate - womöglich für mehrere Jahre - angepasst wird, kommt es zu einem realen Einkommensverlust. Denn das Nettoeinkommen wächst in diesem Fall langsamer als das Brutto und damit auch langsamer als die Inflationrate. Ursächlich dafür ist der in Deutschland geltende progressive Einkommensteuertarif (steigende Steuersätze bei steigendem Einkommen), der dafür sorgt, dass bei einer Lohnerhöhung der Durchschnittssteuersatz überproportional steigt. Bei diesem Verlust des Realeinkommens spricht man von "Kalter Progression". Mit dem Rechner für die Kalte Progression können Sie gleich hier überprüfen, wie sich dieser Effekt auf Ihr Einkommen auswirkt.

Kalte Progression – Ein Beispiel

Sie erzielen im Jahr 2016 nach Abzug von absetzbaren Kosten, wie z.B. Werbungskosten und der Vorsorgepauschale ein zu versteuerndes Jahreseinkommen in Höhe von 30.000 Euro und liegen damit über dem Grundfreibetrag. Zum Ausgleich der Inflation von rund 1 Prozent vereinbaren Sie eine Gehaltserhöhung von ebenfalls 1 Prozent. Somit wächst Ihr künftiges Bruttoeinkommen um 300 Euro auf 30.300 Euro. Sie sind verheiratet und haben in Ihrer Steuererklärung die Zusammenveranlagung (Splittingtarif) gewählt.

Steuer 2016 derzeit künftig
Einkommensteuer 2.550,00 2.624,00
Solidaritätszuschlag 140,25 144,32
Kirchensteuer (9%) 229,50 236,16
Summe 2.919,75 2.935,78

Aufgrund des geltenden progressiven Einkommensteuertarifs geraten Sie mit dem höheren Einkommen in eine höhere Progressionszone. Der für Sie geltende Grenzsteuersatz und damit Ihr Durchschnittssteuersatz liegen nun höher. In Zahlen bedeutet dies folgendes: Bei Ihrem bisherigen Einkommen mussten Sie Steuern in Höhe von ca. 2.919,75 Euro zahlen. Nach Einkommenserhöhung auf 30.300 Euro beträgt Ihre Steuerschuld 3.004,48 Euro.

derzeit Steigerung künftig
Brutto 30.000,00€ 1,000% 30.300,00€
Steuern 2.919,75€ 2,902% 3.004,48€
Netto 27.080,25€ 0,795% 27.295,52€

Sie zahlen demnach über 2,9 Prozent mehr Steuern, während Ihr Brutto nur um 1 Prozent gestiegen ist. Dadurch wächst Ihr Netto langsamer, als Ihr Brutto, nämlich nur um knapp 0,8%.

Dies reicht aber dann nicht mehr zum Ausgleich der angenommenen Inflation von 1%. Sie haben schließlich real rund 55,53 Euro bzw. knapp 0,2% weniger Geld in der Tasche.

Herleitung: Ihr bisheriges Netto in Höhe von 27.080,25 Euro ist um 215,27 Euro bzw. 0,795 Prozent auf 27.295,52 Euro gestiegen.

Zum Ausgleich der Inflation hätte das Netto aber genauso wie das Brutto um 1,000 Prozent, also um 270,80 Euro auf 27.351,05 Euro steigen müssen.

Also fehlen Ihnen 55,53 Euro zum Ausgleich der Inflation. Dies sind 0,203 Prozent vom eigentlich zu erzielenden Netto in Höhe von 27.351,05 Euro. Ihr Realeinkommen schrumpft also um 0,203 Prozent.

Tipp für die Benutzung des Kalte Progressions Rechners

Alle im Beispiel genannten Einzelwerte, auch aus den Tabellen, finden Sie im Berechnungs-Ergebnis wieder. Zahlreiche Werte verstecken sich hinter den dort befindlichen Info-Buttons. Dort können Sie Ihre individuellen Werte einsehen.

Kalte Progression als verdeckte Steuererhöhung

Kalte Progression wird im weiteren Sinne auch als heimliche Steuererhöhung betrachtet: Aufgrund der allgemeinen Inflation und den daran gekoppelten Lohnerhöhungen rutschen immer mehr Arbeitnehmer in eine höhere Steuerstufe. Die Steuerlast gegenüber dem Finanzamt wächst. Der Fiskus kassiert weitere Steuern, während die Realeinkommen der Steuerzahler durch die höhere Besteuerung sowie die Inflation schrumpfen.

Abbau der Kalten Progression

Der Staat könnte einen Abbau der Kalten Progression erzielen, indem er den Einkommensteuertarif an die Kaufkraftentwicklung anpasst. Ein automatischer Anpassungsmechanismus, wie vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung empfohlen, könnte das Problem lösen. Allerdings sieht das Bundesfinanzministerium um Bundesfinanzminister Dr. Schäuble in einer solchen automatischen Anpassung eine erhöhte Inflationsgefahr.

Berechnung der Einkommensteuer

Nutzen Sie auch unseren Einkommensteuerrechner, um anhand Ihres Einkommens die Steuerlast betehend aus Einkommensteuer, Solidaritätszuschalg und Kirchensteuer im Detail zu berechnen.

Was versteht man unter “kalter Progression”?

Mit diesem Begriff wird eine Art verdeckter, schleichender Steuererhöhung bezeichnet. Diese tritt ein, wenn eine Gehaltserhöhung, die nur den Zweck hat, die Inflation auszugleichen, eine Erhöhung der Einkommenssteuer nach sich zieht. Selbst wenn also die Löhne und Gehälter jedes Jahr steigen, bleiben die der Lohnsteuer zugrundeliegenden Einkommensgrenzen unverändert. Die Folge davon ist, dass Arbeitnehmer auf Grund der Lohnerhöhung in eine höhere Progressionszone aufrücken, weshalb ein Teil ihrer Gehaltserhöhung vom Finanzamt einkassiert wird. Das bedeutet, das Realeinkommen sinkt statt anzusteigen.

Was bedeutet eigentlich Inflation?

Inflation (“Aufschwellen”) ist ein Begriff aus der Volkswirtschaft. Darunter versteht man einen Anstieg des Preisniveaus von Gütern, was gleichzeitig eine Geldentwertung oder verminderte Kaufkraft des Geldes bedeutet. Das Statistische Bundesamt legt einer Ermittlung der Inflation den Verbraucherpreisindex zugrunde, um die Lebenshaltungskosten sowie deren prozentuale Steigerung im Vergleich zum Vorjahr zu berechnen. Die Ergebnisse werden monatlich veröffentlicht.

Inwiefern ist die Kalte Progression eine Besonderheit des deutschen Steuersystems?

Für jeden verdienten Euro, der über dem Grundfreibetrag liegt, sieht das deutsche Steuersystem einen entsprechenden höheren Steuersatz vor. Es findet jedoch keine Anpassung der Einkommensteuertarife an die Inflation statt. Das hat zur Folge, dass deutsche Arbeitnehmer mit jeder Lohnerhöhung immer höhere Steuern zahlen, obwohl ihnen von dem Mehr an Gehalt nicht viel übrigbleibt. In einigen anderen Industrieländern wird die Einkommenssteuer automatisch an die Inflation angepasst, um eine kalte Progression zu vermeiden.

Was hat eine Gehaltserhöhung mit Inflation zu tun?

Manche Lohnerhöhungen haben lediglich den Zweck, die Inflation auszugleichen. Normalerweise steigen jedes Jahr die Löhne und Gehälter zum Ausgleich der Inflation durchschnittlich um 1-2%, wobei es allerdings ohne Tarifbindung keinen Rechtsanspruch auf diese Art von Gehaltsanpassung gibt.

Wieso hat ein deutscher Arbeitnehmer wegen der kalten Progression trotz Lohnerhöhung nicht mehr Geld in der Tasche?

Von einer die Inflation ausgleichenden Gehaltserhöhung, wegen der ein Arbeitnehmer mehr Steuern zahlen muss, bleibt effektiv nicht viel übrig. Wenn z. B. ein alleinstehender Arbeitnehmer, der bis dahin ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 20.000 Euro hat und dafür 3.016 Euro Steuern (inkl. Soli und 9% Kirchensteuer) gezahlt hat, eine zweiprozentige Gehaltserhöhung zum Ausgleich für die gestiegenen Lebenshaltungskosten erhält, muss er für die 20.400 Euro nunmehr 3.140 Euro Steuer zahlen. Wegen der Lohnerhöhung von 2 Prozent steigt also sein Einkommensteuertarif und damit seine Steuerlast um 4,1% Prozent. Sein Netto wächst nur um rund 1,6 Prozent. Unterm Strich sind dies 63 Euro zu wenig. Dieser Abzug bedeutet, dass die Inflation de facto nicht durch diese Lohnerhöhung ausgeglichen wird. Fazit: Selbst wenn ein Mehr an Gehalt nur die Inflation ausgleicht, ein Arbeitnehmer also tatsächlich nach der Lohnerhöhung gar nicht mehr Einkommen hätte, schöpft der Fiskus immer noch einen Teil dieses zusätzlichen Einkommens ab.
Nutzen Sie den Rechner zur Ermittlung der kalten Progression, um Ihren eigenen möglichen Realeinkommensverlust zu bestimmen.

Was versteht man unter steuerlichem Grundfreibetrag?

Dies ist der Einkommensbetrag, bis zu dem keine Steuern fällig werden (Stand 2016: 8.652 Euro für einen ledigen Arbeitnehmer). Nur dieser Freibetrag – nicht aber der Einkommenssteuertarif – wird derzeit an die Inflation angepasst.

Was tut das Bundesministerium für Finanzen, um das Problem der Kalten Progression zu lösen?

Die Bundesregierung diskutiert Möglichkeiten, die Folgen der kalten Progression für die deutschen Steuerzahler zu mildern. Allerdings erklärte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im Oktober 2013, nur wenn “finanzieller Spielraum” vorhanden sei, könne die kalte Progression abgebaut werden. Dies ist inzwischen in gewissem Maße geschehen, indem z.B. der Grundfreibetrag zwischen 2014 und 2016 von 8.354 Euro auf 8.652 Euro erhöht wurde.

Wie könnte die kalte Progression verhindert werden?

Die beste Lösung wäre, die Einkommensteuertarife jedes Jahr entsprechend den steigenden Verbraucherpreisen bzw. der Inflation automatisch anzuheben – eine Maßnahme, die im Einkommensteuergesetz verankert werden sollte. Dieses Verfahren, die Steuersätze um den Wert der Inflationsrate anzuheben, wird “Tarif auf Rädern” genannt. Ein einmaliger Angleich an die steigenden Lebenshaltungskosten geschah immerhin im Jahre 2016. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass in Zukunft eine automatische Anpassung an die Inflationsrate umgesetzt wird.

Inwiefern bringt die kalte Progression dem Finanzamt Milliardenbeträge ein?

Aufgrund der kalten Progression, d. h. ohne offizielle Steuererhöhungen, führen deutsche Steuerzahler zwischen 2010 und 2017 mehr als 20 Milliarden Euros zusätzlich an das Finanzamt ab.

Welche Möglichkeiten hat ein Arbeitnehmer, dennoch von einer Gehaltserhöhung zu profitieren?

Arbeitnehmer sollten gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber nach Alternativen zur Gehaltserhöhung suchen, um auch real mehr Netto übrigzubehalten. Denkbar wäre es, dass dem Angestellten z. B. ein Dienstwagen oder ein Laptop gestellt wird, welche dieser auch privat nutzen darf. Der Arbeitgeber könnte auch beispielsweise die Kita bezahlen oder das Tanken bezuschussen. Häufig müssen für derartige Entlohnungen weder Steuern noch Sozialabgaben gezahlt werden.

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